Als Schöllkopf mit 44 stirbt, hinterlässt er 1000 Arbeiten zu Weltliteratur, Geschichte, Politik.

9. August 2025 – 4. September 2025 · Galerie feinart berlin, Charlottenburg · Ausstellung

Als Schöllkopf mit 44 stirbt, hinterlässt er 1000 Arbeiten zu Weltliteratur, Geschichte, Politik.

Das graphische Werk von Günter Schöllkopf, geboren 1935 in Stuttgart, hinterlässt uns die Vorstellung eines wissbegierigen, politischen, in der Radierung begnadeten Künstlers und Denkers mit einer brodelnden Phantasie. Bereits im Alter von zehn Jahren erhielt er Privatunterricht von Max Ackermann, mit 22 beendete er sein Studium an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste Stuttgart. Als er mit 44 Jahren stirbt, hinterlässt er ein Gesamtwerk von ungefähr 1000 Arbeiten, das sich mit Inhalten aus Weltliteratur, Musik, Geschichte und Politik auseinandersetzt. In der Ausstellung zu sehen sind Blätter aus den Zyklen Zu Balzac, Don Quichote, François Villon, zu antiken Mythen und Märchen sowie drei seiner seltenen Gemälde. Hinter der Darstellung der Themen, denen die Zyklen gewidmet sind, lässt sich ein wucherndes Wurzelsystem von Bezügen entdecken, das alle Bilder, alle Figuren miteinander verbindet. Schöllkopf interessiert nicht die Bestätigung vorgegebener Ordnungen und Interpretationen, schon gar nicht deren Illustration. Vielmehr wollte er in seinen kaleidoskophaften, doppelbödigen Bildwelten kollektive Aussageverknüpfungen erreichen, die das Denken von Plus und Minus, von Autoritäten und Ideologien befreien. Die frühen Zyklen wie Zu Balzac und Ost-West fertigte Schöllkopf im Alter von 17 Jahren, ein junger Mann voll Tatendrang, herausforderndem Geist, aufbegehrend gegen überkommene Strukturen und ringend mit inneren Widersprüchen. In der Druckgraphik und Zeichnung fand er seine Sprache und schuf damit seinem Wissen und Denken einen Bilderkosmos — insbesondere in der Radierung. „Ich bin ein Mann des Metalls“, schreibt er in seinen Tagebüchern (Sammlung Deutsches Literaturarchiv Marbach). Schöllkopf, Ironiker und passionierter Pokerspieler, hatte einen Sinn für Eulenspiegeleien, Irrfahrten und Narrenspiele, die in seinen Graphiken in „berauschenden Kapriolen dahersprudeln und sich im späteren Werk ergießen in den breiten und gelassen dahinfließenden Strom seiner melancholisch-heiteren, sehnsuchtsvoll-ironischen, logisch-verrätselten Bilder aus dem Leben berühmter Männer und Frauen. Alle Einzelarbeiten zusammengenommen verdeutlichen Schöllkopfs Kulturanalyse und Kulturzertrümmerung. Seine Geschichten aus der Geschichte stellen die gewohnten Seh- und Denkweisen auf den Kopf (Idealismus), auf die Füße (Materialismus) und auf das Selbst (Wunschökonomie).“[1] „Ich bin ein Citoyen, ich schlage mich recht durch, ich esse und saufe, ich fliege und will alles.“ (Schöllkopf 1978) __________ [1]Rudolf Greiner, in: Günter Schöllkopf. Werkverzeichnis, hg.v. R. Greiner und Hellmuth Müller, Verlag Gerd Hatje, Stuttgart 1981, S.11f. VITA Günter Schöllkopf 1935 in Stuttgart geboren, erhielt Günter Schöllkopf bereits ab 1945 Privatunterricht bei Max Ackermann. 1952 bis 1957 studierte er an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart bei Karl Rössing und Hans Fegers. 1954 arbeitete er in der Lithografiewerkstatt der späteren Gruppe 11 um Günther C. Kirchberger und war ab 1957 freischaffender Zeichner, Grafiker und Maler. Zwischen 1957 und 1979 erschienen in loser Folge Illustrationen und Texte bei Christ und Welt, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Stuttgarter Zeitung sowie in Büchern, darunter .zu Voltaires „Candide“, zu „Die schönsten Erzählungen aus 1001 Nacht“ in der Ausgabe von W. Schumann (1959) und „Ein Sommernachtstraum“ von William Shakespeare. Von 1962 bis 1964 war Schöllkopf freier Mitarbeiter bei Christ und Welt. Seinem Aufenthalt in der Villa Massimo in Rom 1965–1966 folgten weitere Kurzaufenthalte in Italien. Im Jahr 1976 war sein erster Krankenhausaufenthalt. 1977 unternahm er mit Otto Herbert Hajek auf Einladung der australischen Regierung eine Australienreise. In 1979, dem Jahr, in dem er das Stipendium Cité Internationale des Arts in Paris erhielt, ereilt ihn der zweite Krankenhausaufenthalt in Stuttgart, bei dem er verstirbt. Schöllkopf war Mitglied des Künstlerbundes Baden-Württemberg und der Künstlergruppe der Hans-Thoma-Gesellschaft. Er wurde ausgezeichnet mit dem Graphikpreis der Staatlichen Akademie der bildenden Künste Stuttgart (1956), dem Stipendium Villa Massimo in Rom als bis dahin jüngster Preisträger (1965–1966) sowie dem Stipendium Cité Internationale des Arts Paris (1979) Zeit seines Lebens hatte Günter Schöllkopf eine enge Beziehung zur Literatur, so dass er, wie er selbst einmal schrieb, die meisten seiner Radierungen und Zeichnungen als „zyklische Interpretationen zu großen Themen abendländischer Literatur“ gestaltete. Im Deutschen Literaturarchiv Marbach befinden sich 350 Radierungen und Lithographien sowie siebzig Skizzen- und Tagebücher. Schöllkopf hat mehr als eintausend Arbeiten hinterlassen, Lithographien, Zeichnungen, Aquarelle, Ölbilder und vor allem Radierungen. Daneben hat er zahlreiche Buchillustrationen und Zeichnungen für die Tages- und Wochenpresse, zum Teil mit eigenen Texten, angefertigt. Neben Ausstellungsbeteiligungen, zuletzt 2016 „Künstlerblicke: Bilder des Widerstands“ in der Stauffenberg-Erinnerungsstätte Stuttgart und 2019 „Zyklisches Erinnern – Alfred Hrdlicka und Günter Schöllkopf“ im Kunstmuseum Albstadt, verzeichnet Günter Schöllkopf zwischen 1957 und 2022, also weit über seinen Tod hinaus, diverse Einzelausstellungen, darunter 1957 Deutscher Bücherbund München | 1958 Galleria d’Art Totti Mailand | 1959 Howard-Universität Washington | 1964 Goethe-Institut Indien | 1968 Galerie der Stadt Stuttgart | 1973 Hans-Thoma-Gesellschaft Reutlingen (Retrospektive 1952–1973 mit 142 Lithographien, Radierungen, Zeichnungen und Aquarellen) | 1979 Gedächtnisausstellung Galerie Schloss Remseck | 1981 Villa Merkel Esslingen (Retrospektive) | 1982 Heinrich-Heine-Institut Düsseldorf | 1985 Galerie Schlichtenmaier, Schloß Dätzingen | 1987 Goethe-Galerie Bozen | 1988 Galerie Hanenhof, Stadt Geleen/Holland / Galerie Thomas Flora Innsbruck | 1989 Städtische Galerie Böblingen | 1996 Galerie Hedi Probst Nonnenhorn | 1997 Galerie Peter Fischinger Stuttgart (und 1998) | 1999 Galerie Edition Domberger Filderstadt | 1999 Galerie Hedi Probst Nonnenhorn | 2000 Kultur Althoheneck, Ludwigsburg-Hoheneck | 2005 Literaturhaus Stuttgart (Doktor Faustus) | 2007 Galerie Burg LE-Musberg (und 1989) | 2009 Goethe-Institut Weimar | 2011 Galerie in der Lände, Kressbronn am Bodensee | 2014 Hermann-Hesse-Museum Gaienhofen/Bodensee | 2015 Fritz und Hildegard Ruoff Stiftung Nürtingen | 2015 Galerie Schloss Ettersburg | 2019 Literaturhaus Stuttgart | 2019 Galerie der Kreissparkasse Leinenfeld-Echterdingen | 2020 Galerie Wendelinskapelle | 2021 Galerie Schlichtenmaier | 2022 National Gallery of Ireland („Celebrating Ulysses“) **Unser Dank geht an Heidi Schöllkopf-Schober für die wertvolle Unterstützung sowie an Michael Klotz für sein Engagement für den Schöllkopf-Nachlass

Niebuhrstraße 71, 10629 Berlin

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