Kunstleben Berlin Kolumne von Jeannette Hagen. Als Gründerin eines Unternehmens, das Kunst und Demokratie im Namen trägt, bin ich davon überzeugt, dass
Kunst eine immense Bedeutung für den
politischen Bildungsprozess hat. Dass sie Denkstrukturen aufbrechen, etwas bewegen – uns bewegen kann. Wie oft habe ich in diversen Reden
Marx oder
Beuys zitiert, habe die
Kraft der Kunst, speziell der politischen betont. Und dann lese ich neulich einen Artikel in der Zeitschrift
Monopol, der plötzlich einen leisen Zweifel in mir aufkommen lässt. Ich sehe die Amtseinführung
Joe Bidens vor mir, sehe die 22-jährige
Amanda Gorman, wie sie
„The Hill We Climb“ vorträgt und damit Millionen Menschen auf der ganzen Welt für einen Moment tief berührt. Die Frage ist,
was davon bleibt? Was hat sich seit diesem Moment bewegt? Wer hat sich bewegt? Gibt es jemanden, der nach diesem Vortrag wirklich etwas in seinem Leben verändert hat?
In dem Artikel im
Monopol ging es noch detaillierter um die Frage, wie schlagkräftig eigentlich
politische Kunst ist. Ob politische Ambitionen nicht letztendlich in Kunsthallen verrauchen, sich im Kunstkosmos drehen, betrachtet werden, ihn aber nicht verlassen. Hin und wieder gelingt es, den Aufmerksamkeitskreis weiter zu ziehen. Das Zentrum für
Politische Schönheit hat mit seiner
Tiger-Aktion aufgerüttelt, verändert hat es die Flüchtlingspolitik nicht. Aber wenn die Schlagkraft der Kunst dann doch deutlich geringer als angenommen ist, warum haben die Nationalsozialisten dann Bücher verbrannt, Kunst als
„entartet“ eingestuft? Hatten sie nicht doch Angst vor der Macht, die von verschiedenen Werken ausgeht?
Vielleicht muss man den Radius einfach kleiner ziehen, nicht die gigantischen Veränderungen erwarten, nicht den gesellschaftlichen Umbruch nach einem Museumsbesuch erhoffen. Vielleicht geschieht das, was geschieht, auf der Mikroebene und entfaltet seine wahre Wirkung in der Summe vieler kleiner Anstöße. Wir alle kennen diesen
einen magischen Moment, bei dem sich plötzlich etwas fügt, wo wir plötzlich in der Lage sind, einen alten eingetretenen Pfad zu verlassen, um einen neuen Weg einzuschlagen. Möglicherweise können wir uns nicht mehr an die vielen Bausteine erinnern, die uns genau an diesen Punkt geführt haben, aber mit großer Sicherheit waren einige davon ein Song, ein Bild, ein Foto, ein Text. Eben etwas, das in uns eine Seite zum Klingen gebracht hat und irgendwann lässt sich der Ton nicht mehr überhören. Und es ist nicht auszuschließen, dass viele ihn auch hören.
Ich stimme der Autorin
Saskia Trebing zu, die in ihrem Artikel schreibt, dass es Fakten, die künstlerisch präsentiert werden, schwer haben, ins
Bewusstsein der Öffentlichkeit vorzudringen. Anders als bei einem Zeitungsartikel oder einem Fernsehbeitrag bleiben die Kunst-Fakten auf Distanz. Sie werden anders hinterfragt, was daran liegt, dass wir Kunst eben als etwas einordnen, das Wahrheitsgrenzen permanent überschreitet und so die Ernsthaftigkeit vielleicht unterschätzen. Trebing schreibt, dass es schwer für die zeitgenössische Kunst ist,
„ihre gesellschaftliche Nische zu verlassen, auch wenn die Weltbewegendes zu sagen hat“.
Fragt man nach den Ursachen, landet man schnell bei der Art und Weise, wie Kinder an Kunst herangeführt werden. Meiner Ansicht nach liegt dort der Schlüssel. Wer Kunst nicht als
„brotlos“ erfährt, ihr auf lebendige Art begegnen kann, sie auch im Kunstunterricht als
Gestaltung erlebt und nicht als Zwang, der ist offener für die Botschaften, die Kunst überbringt. Der hört nicht nur ein schönes Gedicht, sondern lässt auch sein
Inneres davon berühren.
Artikel: Forensic Architecture & Co. Warum nur ist politische Kunst oft so wirkungslos?
Beitragsbild: Horst Meister, Politische Kunst "Unser täglich Brot"