Frauenkunst – Männerkunst
Es liegt schon eine Zeit zurück, als die große Debatte um das Gedicht von Eugen Gomringer „avenidas“ geführt wurde. Die Alice Salomon Hochschule hat es entfernen lassen, der Dichter war empört und der Kulturrat warnte …
Es liegt schon eine Zeit zurück, als die große Debatte um das Gedicht von Eugen Gomringer „avenidas“ geführt wurde. Die Alice Salomon Hochschule hat es entfernen lassen, der Dichter war empört und der Kulturrat warnte vor Zensur. Ich habe mich in der ganzen Zeit gefragt, ob es dieselbe Debatte gegeben hätte, wenn eine Frau Urheberin der Zeilen gewesen wäre. Diesem Gedanken schließt sich ein weiterer an: Hätte eine Frau überhaupt so ein Gedicht geschrieben? Unterscheiden sich männliche und weibliche Kunst in Hinblick darauf, wie Frauen dargestellt werden?
Das ist, wenn man sie auf bestimmte Werke lenkt, zunächst natürlich eine fiktive Frage, denn wir wissen ja nicht, ob die Mona Lisa anders gelächelt hätte oder Rubens Frauen schlanker gewesen wären, hätte eine Frau den Pinsel geführt. Man kann das Spiel natürlich auch andersherum spielen, hätte ein Mann und so weiter. Es bleibt Fiktion, also müssen wir uns darauf beschränken, Werke aus denselben Epochen miteinander zu vergleichen.
Nun bin ich keine Kunsthistorikerin, wenn ich mir jedoch die Werke verschiedener Frauen und ihre Darstellung von Frauen – sei es nun als Selbstporträt oder als Bild anderer Frauen anschaue, fällt mir auf, dass sie selten lieblich sind. Schonungslos bis radikal trifft es eher. Teils deutlich tiefer in ihrer Darstellung. Die Leiterin der Städtischen Galerie Böblingen, Corinna Steimel, bestätigt, was ich sehe. In einem Gespräch mit den Stuttgarter Nachrichten sagte sie, befragt zu diesem Thema: „Man könnte davon ausgehen, dass sich das schöne Geschlecht selbst verschönernd darstellt. Doch das ist nicht der Fall.“ Grund ist ihrer Ansicht nach, dass Frauen ihre Gefühle zu sich selbst mit in die Bilder einbringen. Und damit natürlich auch alle Ambivalenzen. Die wenigsten Frauen haben gelernt, sich selbst tief zu lieben und anzunehmen. Ein Mann kann nicht in die Abgründe der Seele einer Frau schauen, deshalb muss seine Darstellung bis zu einem gewissen Grad zwangsläufig an der Oberfläche bleiben.
Frauen betrachten Kunst übrigens auch anders als Männer. Gehen sie in ein Museum, sind sie viel stärker berührt und erinnern sich vier Wochen nach dem Museumsbesuch an völlig andere Dinge. Zu diesem Ergebnis kommt eine Forschungsstudie aus dem Jahr 2015: „Subtle Differences: Men, Women and their Art Reception“ von ZU-Professor Dr. Martin Tröndle, Inhaber des WÜRTH Chair of Cultural Production. Tröndle stellt fest: „Während Männer den Unterhaltungsaspekt in den Mittelpunkt rücken, geben Frauen an, mit dem Ausstellungsbesuch ihr Kunstverständnis vertiefen und sich emotional wie intellektuell mit den Werken auseinandersetzen zu wollen.“ Beiden gleich ist jedoch das Interesse an Porträts.
Und auch wenn es sonst diverse Unterschiede gibt, kann man es am Ende doch nicht pauschalisieren. Jeder, jede Künstler*in ist anders. Jede, jeder bringt seine Themen ein und gestalten Kunst aus der eigenen Perspektive. Und trotzdem ist es interessant, beim nächsten Ausstellungsbesuch mal darauf zu achten. Eine Gelegenheit, den Blick einer Künstlerin auf das, was sich hinter den menschlichen Fassaden verbirgt, zu genießen, bietet die Ausstellung von Romy Campe in der Galerie Köppe Contemporary.

