Von den Masken zur Moderne
Kunstgeschichte · Afrikanische Kunst · Berlin. Es gibt Momente, in denen die Kunstgeschichte eine Abzweigung nimmt – ausgelöst durch die Begegnung europäischer Künstler mit afrikanischer Kunst. Einer davon liegt im Herbst 1906 in Paris. Henri …
Kunstgeschichte · Afrikanische Kunst · Berlin.
Es gibt Momente, in denen die Kunstgeschichte eine Abzweigung nimmt – ausgelöst durch die Begegnung europäischer Künstler mit afrikanischer Kunst. Einer davon liegt im Herbst 1906 in Paris. Henri Matisse erwirbt für wenige Francs eine kleine westafrikanische Holzfigur und zeigt sie einem jungen Spanier namens Pablo Picasso. Kurz darauf steht Picasso im ethnografischen Museum im Palais du Trocadéro vor Masken und Skulpturen aus den europäischen Kolonien und findet dort etwas, das die akademische Malerei seiner Zeit ihm nicht geben konnte: eine Formensprache, die nicht abbildet, sondern verdichtet. Das Ergebnis, „Les Demoiselles d'Avignon" von 1907, gilt heute als Schlüsselwerk der Moderne. Zwei der Gesichter darin tragen unverkennbar die Handschrift afrikanischer Masken.
Was hier begann, war kein bloßes Zitat. Die afrikanische Bildhauerei bot den Wegbereitern der Moderne ein Prinzip an, nachdem sie ohnehin suchten: Kunst als Ausdruck und Reduktion statt als naturgetreue Nachahmung. Picasso, Matisse, später Modigliani, sie alle zogen daraus ihre Konsequenzen.
Was oft übersehen wird: Diese Rezeption war keine reine Pariser Angelegenheit. Sie hatte einen frühen und wichtigen Schauplatz in Berlin.
Die Künstler der 1905 in Dresden gegründeten Gruppe „Die Brücke", Ernst Ludwig Kirchner, Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel, begeisterten sich für die außereuropäischen Bestände der völkerkundlichen Museen: für Skulpturen aus der damaligen deutschen Kolonie Kamerun und für die Balken aus Palau in der Südsee. Als die Gruppe zerbrach, lebte Schmidt-Rottluff in Berlin und stellte afrikanische Objekte ins Zentrum seiner Stillleben. 1913 zeigte eine Berliner Ausstellung Werke Picassos im Dialog mit afrikanischen Plastiken. 1915 veröffentlichte Carl Einstein hier seine bahnbrechende Studie zur afrikanischen Bildhauerei, die erste, die sie konsequent als Kunst und nicht als ethnografisches Material behandelte. Berlin war damit einer der Orte, an denen die europäische Moderne lernte, afrikanische Werke mit anderen Augen zu sehen.
Diese Faszination hatte handfeste, materielle Wurzeln, und hier lohnt der genaue Blick auf das Handwerk. Die berühmten Benin-Bronzen aus dem Gebiet des heutigen Nigeria entstanden im Wachsausschmelzverfahren (cire perdue): Ein Wachsmodell wird von Ton umschlossen, das Wachs ausgeschmolzen, der Hohlraum mit Metall gefüllt. Jedes Stück ein Unikat. Die ostafrikanische Makonde-Bildhauerei in Tansania und Mosambik arbeitet klassisch aus einem einzigen Stamm Ebenholz, einem der schwersten Hölzer überhaupt, das heute als geschützte Art nur mit Genehmigung gehandelt werden darf. Wer solche Werke nebeneinander sieht, versteht schneller, was die Moderne an ihnen faszinierte: die Konzentration, die Materialgerechtigkeit, die Abwesenheit alles Überflüssigen.
Der Kreis schließt sich heute nur wenige hundert Meter vom alten Berliner Schloss entfernt. Im Humboldt Forum zeigt das Ethnologische Museum bedeutende Afrika-Bestände, darunter Figuren und Masken aus Kamerun und Skulpturen aus dem Kongo, und stellt sie bewusst in den Zusammenhang ihrer kolonialen Erwerbsgeschichte. Ein eigener Ausstellungsbereich, „Benin-Bronzen in Berlin", erzählt eine der wichtigsten Geschichten der jüngeren Museumswelt: Das Eigentum an über 500 dieser Werke wurde im August 2022 an Nigeria übertragen. Rund ein Drittel bleibt für zunächst zehn Jahre als Leihgabe in Berlin und wird, gemeinsam mit nigerianischen Partnern neu konzipiert, weiter gezeigt. Führungen wie „Die Benin Bronzen. Restitution und was nun?" machen den Prozess selbst zum Thema.
Damit ist auch das Unbequeme benannt, das zu diesem Thema gehört. Die Begeisterung der Moderne für die „Stammeskunst" ignorierte lange den Kontext, die Bedeutung und die Herkunft der Werke. Was als Inspiration gefeiert wurde, war oft koloniale Aneignung. Das Ethnologische Museum stellt sich dem heute offensiv, etwa im Bereich „Schaumagazin Afrika. Objektaneignung und Afrika-Illusionen" und mit zeitgenössischen Positionen von Künstlern wie dem in Berlin lebenden Emeka Ogboh oder António Ole. Ein ehrlicher Blick auf afrikanische Kunst hält beides aus: die künstlerische Wirkungsgeschichte und ihre kritische Aufarbeitung.
Für alle, die tiefer eintauchen möchten, ist das Ethnologische Museum im Humboldt Forum der naheliegende Ausgangspunkt. Über die Museen hinaus pflegen spezialisierte Galerien den Umgang mit klassischer außereuropäischer Kunst und beraten beim Aufbau einer Sammlung. In Berlin gehört dazu die auf klassische Tribal Art spezialisierte Galerie Dogon in Charlottenburg, die zuletzt unter dem Titel „Afrikanische Formen. Impulse für die Moderne" genau jene Wirkungsgeschichte in den Mittelpunkt stellte, um die es in diesem Beitrag geht. Ebenfalls in Berlin ansässig ist die Afrika Galerie Peter Beller mit ihrer über Jahrzehnte auf Reisen zusammengetragenen Sammlung. Wer eine Anschaffung erwägt, achtet auf eine nachvollziehbare Erwerbsgeschichte, gültige Ausfuhr- und Artenschutzpapiere bei geschützten Hölzern und, bei zeitgenössischen Güssen, auf signierte Zertifikate und Angaben zur Auflagenhöhe.
ANZEIGE – dieser Absatz enthält einen bezahlten Link.
Die Auseinandersetzung, die vor mehr als hundert Jahren begann, ist nicht abgeschlossen. Eine neue Generation afrikanischer Künstler:innen arbeitet heute international sichtbar, von Ibrahim Mahama über Amoako Boafo bis El Anatsui, deren Werke in Museen wie dem MoMA oder der Tate Modern hängen. Wer diese Gegenwart nicht nur im Museum, sondern auch käuflich erleben möchte, findet in München mit der Galerie Soul of Afrika eine Adresse, die sich bewusst der zeitgenössischen Kunst lebender afrikanischer Künstler:innen verschrieben hat, mit Malerei, Skulptur, Fotografie und limitierten Editionen, unter anderem von Vivian Timothy, Khaya Sineyile und Kyle Jardine. Anders als der klassische Kunsthandel aus dem vorigen Abschnitt geht es hier nicht um historische Objekte, sondern um Gegenwartskunst im unmittelbaren Austausch mit den Künstler:innen selbst.